Obwohl ich mittlerweile seit vielen Jahren in Wien lebe, ist der Bertholdsaal (BHS) für mich immer noch ein wichtiger Ort mit dem ich sehr viele positive Emotionen verbinde. In den 1970-80iger Jahren war er für mich im Rahmen der Jungschar bereits ein Ort der Gemeinschaft und des offenen Meinungsaustausches. Nach einigen Jahren ohne größere Bedeutung für mich (Schule in Linz, Studium in Wien) erwachte mit dem ersten Seewiesenfest 1991 der Hunger nach kulturellem Engagement in der Region. Über den Kulturverein Frikulum bot sich mir und einer Gruppe Gleichgesinnter die Möglichkeit im Ennstal Veranstaltungen auf die Beine zu stellen, die wir vor Ort nie hatten aber gerne gehabt hätten. Wir haben uns sozusagen die eigenen Wünsche selber erfüllt und dadurch auch vielen anderen in der Region ein Kulturangebot geschaffen, das es in der Form sonst wohl nur im städtischen Bereich gegeben hätte. Anfangs mussten unsere kulturellen Bestrebungen mangels eines eigenen Veranstaltungsortes auf viele Standorte aufgeteilt werden. Ohne Garantie auf Vollständigkeit fallen mir im Zeitraum 1991 bis zur Eröffnung des Bertholdsaals 1997 mehr als 10 Orte in den damals noch 4 Gemeinden Weyer Markt, Weyer Land, Großraming und Maria Neustift ein, an denen wir Veranstaltungen organisiert haben (Weyer: Pfarrzentrum, Hotel Post, Alte Mühle, Pallnsdorfer, Egererschloss; Kleinreifling: Pfarrsaal, Seewiese, Bahnhof, Viehtaleralm; Großraming: Kirchenwirt, Lumplbauer; Maria Neustift: GH Walleiten). Das war eine sehr aufregende Zeit, aber auch sehr kräfteraubend und auf Dauer wurde es immer lähmender keinen eigenen Ort zu haben an dem die Abläufe durchgespielt, die Ansprechpartner dieselben sind, das Equipment fix vorinstalliert ist bzw. zumindest verstaut werden kann. Letztendlich verbirgt sich hinter fast jeder Veranstaltung ein erheblicher Aufwand und es gilt vorab unzählige Fragen zu klären (Absprachen mit dem Eigentümer/Vermieter, Veranstaltungsbewilligung, Verkehrskonzept, Fluchtwege, Brandschutz, Lebensmittelpolizei, welche Abgaben sind zu zahlen, Anrainer, Lärmbelastung, Müll, Stromversorgung, welches Equipment ist vorhanden, welches muss ausgeborgt/gekauft werden, welches vorhandene Equipment passt oder eben nicht, …). All diese Dinge sind um so vieles einfacher wenn man es für einen einzigen Ort einmal durchgespielt hat und dann die üblichen Routinen ihren Lauf nehmen können. Dies sieht man auch ganz deutlich an der Anzahl der Veranstaltungen von Frikulum. Während in den Jahren 1991-1996 im Schnitt 7-8 Veranstaltungen pro Jahr durchgeführt wurden sind es seit Bespielung des Bertholdssaals ab 1997 etwa 17-18 pro Jahr und somit im Durchschnitt um 10 Veranstaltungen mehr pro Jahr! Die Palette an Veranstaltungen der letzten Jahrzehnten von Frikulum – dem im Moment einzigen Nutzer des Bertholdsaals – umfasst neben den dominanten Konzerten so unterschiedliche Bereiche wie Lesungen, Poetry-Slams, Filmvorführungen, (Ton)Diaschaus, Theatervorführungen (Eigen- und Fremdproduktionen), Kabaretts, Konzerte, DJ-Lines, Volksmusikabende, Bandwettbewerbe, Ausstellungen, Kunstinstallationen, Infoveranstaltungen, Vorträge, Podiumsdiskussionen, Sportveranstaltungen (Kubb-Turnier, Sportfünfkampf, Skirennen, Fußball, Lawinenkundekurs), Workshops (Graffiti, Schreibwerkstatt, Naturkosmetik, …), Gedenkfeier Dipolsau, Feste, Bälle, Veranstaltungen für Kinder, Open-Mics und Kräuterwanderungen sowie die Beteiligung an Festivals wie dem Festival der Regionen (Minderhei(ma)t) oder dem Festival do Chiveve in Mozsmabique und den jährlichen Bachsäuberungen. Neben der Energie, die für die Organisation und Durchführung diverser Events im BHS hineingeflossen ist, steckt auch viel Schweiß unzähliger Vereinsmitglieder und Freiwilliger in diesem Gebäude, die sich bei der provisorischen Renovierung und Adaptierung des Saales engagiert haben. Letztendlich haben wir alle diesen Raum wieder zu dem gemacht was er von Anfang an eigentlich war, ein Ort der Kultur und des Meinungsaustausches für die Weyrerinnen und Weyrer und Interessierte aus der Region! Für mich als Wiener hat der Bertholdsaal als Ort zusammen mit dem Kulturbetrieb von Frikulum nach wie vor eine sehr emotionale Bedeutung, weil ich hier viel erlebt, gesehen, gehört, diskutiert, gegessen, getrunken und geschwitzt habe. Er ist somit auch ein Stück Verbindung der Exilweyrerinnen und Exilweyrer mit ihrer alten Heimat in wunderbar zentraler Lage. Es wäre ewig schade, wenn es diesen Ort nicht mehr geben würde. Save this place forever!

Christoph Janda
Geologe
Wien